Siegen/Hagen/Arnsberg. Südwestfalens Wirtschaft kommt aus der Stagnation nicht heraus. Während sich die aktuelle Geschäftslage in Teilen der Wirtschaft geringfügig verbessert hat, bleiben die Erwartungen insgesamt schwach. Auch die Investitions- und Beschäftigungsabsichten kommen nicht in Schwung. Der Konjunkturklimaindex steigt gegenüber dem Frühjahr zwar leicht von 88 auf 91 Punkte, bewegt sich aber seit drei Jahren auf schwachem Niveau.
Bessere Lage, aber keine neue Dynamik
In der Gesamtwirtschaft hat sich die aktuelle Geschäftslage gegenüber dem Vorjahr moderat verbessert. 19 Prozent der Unternehmen bewerten ihre Lage als gut, 26 Prozent als schlecht. Im vergangenen Herbst lag der Anteil der negativen Lagebewertungen noch bei 34 Prozent. Die stabilere Lage führt bislang jedoch nicht zu spürbar mehr Zuversicht. 15 Prozent der Betriebe rechnen in den kommenden Monaten mit besseren, 25 Prozent mit schlechteren Geschäften.
Auch Investitionen und Beschäftigung bleiben schwach. 34 Prozent der Unternehmen wollen ihre Investitionen verringern, nur 19 Prozent planen höhere Ausgaben. Bei der Beschäftigung rechnen 32 Prozent mit einem Rückgang, lediglich acht Prozent planen zusätzliches Personal.
„Die leichte Verbesserung der Geschäftslage ist zunächst ein positives Signal, aber kein Grund zur Entwarnung. Wenn Investitionen über einen längeren Zeitraum ausbleiben, verliert der Standort schleichend an Substanz. Diese Lücke lässt sich später kaum wieder schließen. Wir brauchen dringend Rahmenbedingungen, unter denen sich private Investitionen wieder rechnen“, so Andreas Knappstein, Präsident der Industrie- und Handelskammer Arnsberg, Hellweg-Sauerland.
Struktureller Reformstau wirkt nach
Die wirtschaftlichen Risiken bleiben hoch. 75 Prozent nennen Energie- und Rohstoffpreise als Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung, 67 Prozent die Arbeitskosten, 64 Prozent die schwache Inlandsnachfrage und 61 Prozent die wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen. Insbesondere die hohen Energiepreise setzen viele Unternehmen erheblich unter Druck. Für zahlreiche Betriebe gehen sie inzwischen an die wirtschaftliche Substanz und schränken die unternehmerischen Spielräume maßgeblich ein.
Die von der Bundesregierung angestoßenen Reformen und Entlastungen sind aus Sicht vieler Unternehmen in der betrieblichen Praxis bislang noch nicht ausreichend zu spüren.
Walter Viegener, Präsident der IHK Siegen: „Die zentralen Belastungen sind nicht überwunden. Der über viele Jahre entstandene Reformstau belastet die Unternehmen weiterhin spürbar. Die Reformen dürfen daher nicht länger nur auf dem Papier stehen. Sie müssen jetzt mutig umgesetzt werden. Denn die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standortes entscheidet sich nicht an Ankündigungen, sondern daran, ob Unternehmen tatsächlich entlastet werden und verlässlich planen können.“
Industrie: Lage verbessert, Aussichten bleiben verhalten
In der südwestfälischen Industrie hat sich die aktuelle Geschäftslage gegenüber dem Vorjahr verbessert. 16 Prozent berichten inzwischen von guten Geschäften. Der Anteil der Unternehmen mit negativer Lagebeurteilung ist von 42 auf 31 Prozent gesunken. Der Blick nach vorn bleibt aber verhalten: Nur 17 Prozent rechnen mit besseren, 23 Prozent mit schlechteren Geschäften.
Bei den Exporterwartungen kann die südwestfälische Industrie mit der bundesweiten Entwicklung nicht Schritt halten. Während sich die Aussichten bundesweit aufhellen, erwarten in Südwestfalen weiterhin 23 Prozent der Industrieunternehmen sinkende Exporte. Nur 19 Prozent gehen von einem besseren Auslandsgeschäft aus. Gleichzeitig wollen 36 Prozent der Industrieunternehmen ihre Investitionen vor Ort reduzieren, ebenso viele rechnen mit einem Beschäftigungsabbau. Hinzu kommt der Standortdruck: 20 Prozent und damit jedes fünfte Industrieunternehmen erwägen konkret eine Standort- oder Teilverlagerung.
Ralf Stoffels, Präsident der SIHK zu Hagen findet deutliche Worte: „Die Exporterwartungen bleiben in Südwestfalen deutlich hinter der bundesweiten Entwicklung zurück. Gleichzeitig erwägt jedes fünfte Industrieunternehmen eine Standort- oder Teilverlagerung. Das sind deutliche Warnsignale für unsere industriestarke Region und insbesondere für den Mittelstand, der die südwestfälische Industrie prägt.“
Einzelhandel besonders stark unter Druck
Die Branchen entwickeln sich deutlich auseinander. Besonders angespannt ist die Lage im Einzelhandel: 43 Prozent der Händler bewerten ihre Geschäfte als schlecht, nur sieben Prozent als gut. In keiner anderen Branche ist die Lagebeurteilung so düster. Auch der Ausblick bleibt schwach: 38 Prozent rechnen mit schlechteren Geschäften, nur elf Prozent mit einer Verbesserung.
Im Baugewerbe zeigt sich hingegen ein deutlich freundlicheres Bild. Dort bewerten 35 Prozent ihre Geschäfte als gut und nur elf Prozent als schlecht. Auch bei den Dienstleistern überwiegen die positiven Lageeinschätzungen. Allerdings bleiben die Zukunftserwartungen in allen Branchen überwiegend pessimistisch.
Abschließend betonen die drei Präsidenten: „Die jüngsten Wahlergebnisse dürfen kein Vorwand sein, geplante Reformen bei Rente, Arbeit und Steuer aufzuschieben. Die vorsichtige Stabilisierung, die bislang nur in Teilen der Wirtschaft sichtbar ist, wird zu einem erheblichen Teil durch schuldenfinanzierte staatliche Ausgaben gestützt. Wir müssen aber Kosten senken, Bürokratie abbauen und verlässliche Rahmenbedingungen schaffen. Sonst bleibt Deutschland zu teuer, zu langsam und verliert weiter an Wettbewerbsfähigkeit."
An der gemeinsamen Konjunkturumfrage der Industrie- und Handelskammern Arnsberg, Hellweg-Sauerland, Siegen und Hagen vom 14. bis 25. September 2026 beteiligten sich 1.253 Unternehmen mit mehr als 100.000 Beschäftigten.